Ausflüge

Die Kaserne Wünsdorf-Waldstadt – ein beeindruckender Ausflug

January 9, 2016
Wenn du diesen Artikel von mir gelesen hast (zu meinen Tipps, was man in Berlin im Winter unternehmen kann), wirst du bereits wissen, dass Ruinen, verfallene und verlassene Orte auf mich eine fast magische, schaurig schön morbide und vor allem anziehende Kraft haben.
Ich liebe es, durch die vergessenen Gemäuer zu laufen, mir vorzustellen, wie es hier vor einigen Jahrzehnten ausgesehen haben mag – ganz zu schweigen von der Portion frischer Luft und den tollen Eindrücken, die man mit nach Hause nimmt.

Im heutigen Post werde ich dir berichten, wie wir zum in Vergessenheit geratenen Areal der Kaserne
Wünsdorf-Waldstadt fanden, wie wir durch den Zaun und zu verlassenen Bunkern aus dem 2. Weltkrieg gelangten, was es noch zu entdecken gibt und ein paar Tipps für Neulinge auf dem Gebiet des Urban Exploring geben.

Nach Weihnachten, Faulsein und viel viel Essen war es definitiv wieder an der Zeit, ein bisschen
rauszukommen. An einem milden, sonnigen Tag ende Dezember machten wir uns im Vierertrupp auf den Weg, die alte Kaserne in Wünsdorf-Waldstadt zu erkunden.

Kurzer Einblick in die Geschichte der Kaserne Wünsdorf-Waldstadt

Ab 1910 wurde ein Gebiet nahe des kleinen Orts Wünsdorf – die „Waldstadt“ – als Kasernenstandort und Truppenübungsplatz genutzt. Gebäude wurden gebaut, das Fernsprech- und Telegrafenamt wurde hierher verlegt.

Im 1. Weltkrieg wurde Wünsdorf-Waldstadt der Sitz des Hauptquartiers der Reichswehr, bald danach wurde hier auch die Heeressportschule Wünsdorf errichtet.

Wusstet ihr, dass im Olympischen Dorf nämlich nur die ausländischen aber nicht die deutschen Athleten trainiert wurden? Die wurden nämlich hier, in der Waldstadt, auf ihre Wettkämpfe vorbereitet!

Noch bevor das Training hier begann, wurde Wünsdorf-Waldstadt mit der Machtergreifung der NSDAP zum Zentrum für Entwicklung für Schnelle Truppen und Panzertruppen. Die Militäranlagen wurden stark erweitert, 1937 kamen die unteririschen Luftschutzbunker hinzu, zu denen ich den Weg später beschreiben werde.
Nachdem die USA 1945 Wünsdorf-Waldstadt bombardierte und große Teile der Militäranlage zerstört wurden, marschierte die “Rote Armee” ein – die Waldstadt wurde kampflos übergeben.

Nun nutzten die Sowjetischen Truppen das Gelände ebenfalls militärisch – aber auch ihre Familien erhielten Einzug, es wurden Schulen, Kinos, Läden gebaut. Eine eigene kleine Stadt mit direkter Bahnverbindung nach Moskau entstand – zu Hochzeiten lebten hier 75.000 sowjetische Männer, Frauen und Kinder.

1994 erfolgte der Abzug der Truppen – was bleibt ist ein riesiges, verfallendes Gelände, auf dem immer noch Munitionsreste im Boden schlummern könnten – aber mit ihnen viele Geheimnisse und Sonderbares, das entdeckt werden möchte!

 

Die Anfahrt

Am bequemsten geht es natürlich mit dem Auto, aber auch ohne fahrbaren Untersatz ist der Weg nach Wünsdorf-Waldstadt absolut nicht beschwerlich. Von Berlin aus ist man – so oder so – in einer Stunde da.

Der Regio RE7 fährt ab direkt ab Ostbahnhof durch. Man steigt in Wünsdorf-Waldstadt aus und läuft die Berliner Berliner Chausee nach Norden entlang. Bereits dieser Abschnitt ist von alten, verfallenen Gebäuden gesäumt – allerdings ist natürlich auch mehr los an der Hauptstraße, und sagen wir mal so – man möchtes ja sicherlich lieber unentdeckt bleiben. Später dazu mehr.

Nun biegt man nach rechts in die Martin-Luther-Straße ein – und wird an ihrem Ende auf ein großes Solarzellenfeld stoßen. Hier kann man auch bequem parken oder ein Fahrrad anschließen. Die Gegend hier hinten ist – im Gegensatz zu den Parkplätzen an der Berliner Straße, auf denen sich Sonntagsausflügler stapeln, komplett ruhig und ausgestorben.

 

Wir wir hinein gelangten – und ein paar wichtige Hinweise

Das gesamte Gelände scheint auf den ersten Blick dicht and dicht mit Bauzaun geschützt zu sein – aber wie Zäune so sind, haben sie ja auch gern mal Löcher. Man hält sich auf der rechten Seite der Martin-Luther-Straße wenn man aus dem Dorf kommt – hier wird man einen großen Appellplatz entdecken, der von Kasernen gesäumt ist. Hier hielten wir die Augen offen nach Schlupflöchern – und ja, die gab es.
Das Gelände scheint an einigen Stellen gut bewacht (Berliner Straße!), an anderen Stellen gar nicht bewacht. Wir trafen auf unserer Tour auch noch einen weiteren Entdecker in der alten Kaserne in Wünsdorf Waldstadt.

 

Generell gilt: Verhalte dich in Ruinen respektvoll, zerstöre nichts, nimm nichts mit was du findest – leave no trace! Du warst nie da! Denke daran, dass diese Gebäude eine historische Stätte sind, und dass Vandalismus geschmacklos und brotig dumm ist. Bitte hilf zB den Leuten von Wünsdorf dabei, das Gelände so zu erhalten, dass noch viele Freude und Adrenalin bei ihren Spaziergängen haben werden! Mach Fotos, genieß den Anblick, schau verdammt noch mal genau hin, wo du hintrittst – aber bitte nichts anfassen!

 

Die Orientierung in diesem Bereich der Kaserne Wünsdorf-Waldstadt

Das praktische an diesem Abschnitt ist, dass man sich quasi gar nicht verlaufen kann – solange man sich am Solarfeld orientiert und weiß, zu welcher Seite es liegt, wird man immer zurück zum Auto finden. Dass man dennoch nur bei Tageslicht hierher kommen sollte, versteht sich irgendwie von selbst, oder?

Wenn man das Gelände über die Martin Luther Straße betreten hat, kann man sich in südliche Richtung zwischen Kasernen und etwas herrschaftlicheren Häusern vorantasten. Links und rechts gibt es eine Menge zu sehen! In einer der Kasernen fanden wir sogar komplett erhaltene Sowjet Uniformen, alte Gurkengläser, die aussahen, als hätte die erst gestern jemand geöffnet – wirklich beeindruckend. Noch mal der Hinweis: Just Look, don’t touch!!

Hinter dem Quergebäude, das hinter dem Appellplatz liegt, gilt es eine kleine alte Mauer zu überspringen – wirklich kein Problem. Nun gelangt man in einen neuen, komplett anderen und besonders spannenden Teil: Hier liegen viele unterirdische Lager und Bunker. Einem wird auffallen, dass die Gebäude hier wie alte Bauernhäuser aussehen – aber nur von oben! So wollte man damals die Bunker und Lager tarnen, um sie vor Luftangriffen zu schützen. Es liegen hier also viele Dächer quasi direkt auf dem Boden, darunter liegen Keller – einige sind licht und hell durch seitliche Oberlichter. Auch ein Kühlhaus konnten wir hier finden.

Nun folgt ein etwas unwegiges, braches Gelände – hier ist von den Bunkern nicht mehr geblieben als riesige Berge von Stahlbeton, die grotesk und stumpf in den Himmel ragen – wie eine verrostete Gabel, die man in einer Portion kaltem, grauen Porridge vergessen hat. Einige der Bunker weisen überraschende Ansammlungen alter sowjetischer Konservendosen in ihrem Inneren auf, andere sind komplett bewuchert.

Kämpft man sich nun weiter südlich durch das Gestrüpp, gelangt man zu einer weiteren Mauer. Ganz hinten rechts ist ein Durchgang, man muss nicht klettern sondern wählt den einfachen weg, ohne sich etwas zu brechen.

Hier erwarten einen weitere Gebäude, die u.a. so wirken wie eine alte Funkzentrale – viele Räume sind komplett schallgedämmt. Was hier wohl vor einigen Jahrzehnten los war in der Kaserne Wünsdorf-Waldstadt? Mir bleibt nichts, als zu raten. Dieses Gebäude wirkt, als hätte es mal einen Brand gesehen, doch es ist stabil und man kann ins obere Stockwerk aufsteigen – wir fanden eine beeindruckende alte Weltkarte an der Wand und vom Dach aus hat man einen schönen Blick. Wie gesagt – bitte pass auf wo du hintrittst, damit dieser eine Schritt nicht dein letzter ist!

Hinter dem Gebäude wird man nun in östlicher Richtung wieder das Solarfeld erblicken. Da wir recht spät zu unserem Ausflug aufgebrochen waren machten wir uns wieder auf den Rückweg – man sollte für diesen genug Zeit einplanen. Mindestens eine Stunde wird man zurück zum Auto brauchen, wenn man zügig durchläuft und darauf verzichtet, sich die alten Bunker anzusehen, die auch den Weg am Solarfeld entlang säumen.

Wir nahmen das selbe Schlupfloch durch dass wir gekommen waren – glücklich, mit großen Augen, inspiriert und erschöpft.

 

Was man mitnehmen sollte, wenn man eine Ruine besichtigt

  • Auf jeden Fall mindestens eine weitere Person! Solche Touren sollte man nicht allein machen. Macht eh mehr Spaß zu zweit.
  • Ein aufgeladenes Handy – das du hoffentlich nur brauchen wirst, um dich zu orientieren (das oben beschriebene Gelände kann man im bekannten Online Kartenportal z.B. sehr gut sehen).
  • Wasser, Tee, Snacks. Wir waren gut 4 Stunden unterwegs – eine kleine Stärkung kann da nicht schaden!
  • Eine Taschenlampe, denn in manchen Gebäuden lauern Löcher im Boden in dunklen Ecken, und manche Räume sind sehr dunkel. Warum unnötiges Risiko eingehen.
  • Fotoapparat – du wirst welche machen wollen, glaub mir

 

ACHTUNG:

Dieser Artikel dient lediglich der Unterhaltung. Das Gelände ist mitnichten sicher, und ich möchte niemanden dazu animieren, es zu besuchen. Es gibt versteckte Löcher im Boden, eventuelle Reste von Munition, brüchige Dächer und Böden und das Betreten ist zudem illegal!!

Auch ist nicht gesagt, dass es ich war, die da war – es könnte mir auch eine dritte Person von ihrem Ausflug erzählt haben.

Nachdem wir das geklärt hätten wünsche ich dir eine tolle Zeit – was auch immer du mit ihr anstellen wirst…. 😉
Alles liebe,
Samira

Bilder 1,2,6,7,&8 by Eddy Kruse

2 Comments

  • Reply Andre March 19, 2016 at 6:25 pm

    Sehr sehr cooler artikel,
    Gelesen, aufgestanden und hingefahren 😀
    Habe die Schlupflöcher auch direkt gefunden 😉
    Aber warum brauch man denn noch mindestens 1 weitere Person dazu

    Ist doch viel geheimnisvoller wenn man in jeden Raum alleine hineintreten muss und eigentlich jedes Mal hallo davor in den Raum rufen möchte um zu prüfen ob man wirklich alleine ist, es dann aber doch nicht macht weil man sich blöd vorkommt obwohl ja eh keiner da ist – dass es peinlich sein könnte.

    Naja war echt die “Reise” wert, auch wenn der Stadtverkehr mit dem Auto schon sehr nervt gegen Nachmittag.

    Achja mit dem Auto konnte man wie beschrieben ebenfalls wunderbar parken.

    Das war jetzt mein erster lost Place an dem ich war und es wird definitiv nicht der letzte sein. Ich konnte diesen ja gar nicht mal ganz erkunden. Was ich dort jetzt sehr schwierig fand war dass die Belichtung trotz Stativ Ultra schwer war, da die Fenster teilweise zugemacht sind und der Raum nur wenig oder unregelmäßig erleuchtet wird. Hattest du das Problem auch

    Wenn du noch mehr so Tipps bzgl. Lost Places Nähe Berlin hast (ohne Führung, will selbst erkunden) oder Tipps zur Belichtung bzw. allgemein Fotografie an diesen Orten hast würde ich mich sehr über eine Antwort freuen 🙂

    Grüße aus Berlin,

    André

    • Reply Samira March 25, 2016 at 6:47 pm

      Hey André,
      danke für dein Kommentar! Erstmal Entschuldigung für die späte Antwort, komme gerade erst aus Nicaragua zurück 😀
      Toll, dass du alles gefunden hast.

      Ich finde es besser zu zweit, falls etwas passiert – so kann einer Hilfe holen, falls doch mal der Boden nachgibt. Aber na klar, wenn man mag kann man auch alleine losziehen. Ich denke es kann dennoch nicht schaden, jemandem Bescheid zu geben, wo man hingeht.

      Es gibt noch so viele tolle Lost Places in und um Berlin! Empfehlen kann ich noch das Kinderkrankenhaus in Weissensee, die Kaserne Vogelsang und noch so viele mehr… Schau doch mal bei http://www.abandonedberlin.com rein, dort gibt es noch viele weitere tolle Tipps und Inspirationen.

      Heute war ich auf dem Südwestkirchhof, schau doch mal in meinen <>Artikel rein – ein unglaublich toller Ort für Fotos!!

      Mit was für einer Kamera fotografierst du denn?
      Ich habe für den Post sowohl Bilder verwendet, die ich mit meiner LH Handykamera gemacht habe, als auch Bilder von Eddy Kruse – http://www.eddykruse.com . Diese wurden mit einer analogen Mitteformat Mamiya ohne Stativ, einfach aus der Hand geschossen, auf einen 400 ISO Film mit einer 125/s Belichtung.

      Ich hoffe mit diesen Tipps gelingt dir auch weiterhin das Fotografieren in diesen natürlich recht schlecht beleuchteten Räumlichkeiten – und freue mich riesig, deine Lust am Entdecken geweckt zu haben!
      Alles Liebe, Samira

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