Feiern & Gastgeben

Das Plötzlich am Meer Festival – Wie ich Teil einer Utopie wurde

August 15, 2016

Plötzlich am Meer Festival 2015 (offizielles Video) from GoodBY on Vimeo.

Das Plötzlich am Meer Festival – Oder wie ich Teil einer gelebten Utopie wurde

 

Es war nie mein Plan, mal Teil von etwas so Großem, Schönem zu werden, als ich 2010 das erste mal als Gast auf das stieß, was einmal das Plötzlich am Meer Festival werden sollte.

Ich erinnere mich noch gut – es war einer der heißesten Sommer, den meine schöne Stadt je gesehen hat.

Die Hitze stand wie eine Wand in den gelb getünchten Straßenschluchten Berlins, sie flackerte über dem Asphalt, ließ den Wind zu einer ungewöhnlich warmen Brise werden und lockte uns Stadtkinder nach Draußen, weil es in unseren Wohnung nicht auszuhalten war.

Ein kleines Open Air, das Freunde von mir veranstalteten, ließ uns in die Bahn steigen und an den Plötzensee nach Moabit fahren – Der Name dieses kleinen Open Airs war „Plötzlich am See“, abgeleitet von dem namensgebenden Fisch. 

Wir feierten mit vielleicht 200 Leuten, das DJ Pult war auf einem Campingtisch aufgebaut, Getränke mit Außentemperatur wurden direkt aus dem Kasten verkauft.

Wir kamen mit schmutzigen Füßen und verkatert nach Hause. Es war herrlich.

An diesem Abend wurden die Weichen für die kleine Utopie gestellt, die seit 2013 jedes Jahr über 10.000 Leute aus der ganzen Welt an die polnische Ostseeküste zieht – und die sich Plötzlich am Meer Festival nennt.

Seit ich bei der „Zwischenrunde“, dem Plötzlich am Boden auf Usedom hinter der Bar stand, wusste ich, dass hier was ungewöhnliches entsteht – und so zögerte ich keine Sekunde, als die Gründer mich fragten, ob ich Lust hätte, sie beim Booking und Künstlermanagement zu unterstützen.

Das erste Jahr beim Plötzlich am Meer in Polen ist mir noch gut im Gedächtnis, und ich glaube, das blaue Auge das ich mir dort holte, ist nun endlich verheilt.

Voller Tatendrang, aber mit wenig Erfahrung und einer (womöglich unerlässlichen) Naivität stürzte ich mich in den Job. Und unterschätze ihn maßlos, mich selbst überschätze ich wohl eher – auch meine Fähigkeit, auf Schlaf zu verzichten.

Nach den ersten 16 Stunden im Büro, während draußen vor den Türen unseres Bürogebäudes das Festival begann, die Künstler und Gäste eintrafen, sah ich ein, dass ich nicht 24 Stunden am Stück täglich arbeiten kann. Lustig, wie man so was erst erfahren muss, um es zu wissen – wenn ich mir den Satz durchlese, verstehe ich mich fast selbst nicht mehr, und irgendwie doch.

Glücklicherweise kam meine Kollegin K. uns zu Hilfe – sie ist nicht nur Polin, die bei jeder Menge Verständigungsschwierigkeiten helfen konnte, sondern sie arbeitete auch wie eine Besessene (und das meine ich im positivsten Sinn). Sie rettete mir und D., im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch.

Nach diesen 5 Tagen lagen wir uns mit Augenringen, ungeduscht und ungläubig vor Glück in den Armen, und ich hatte mich ins Plötzlich am Meer verliebt.

Es folgten zwei weitere Jahre, in denen ich begann zu lernen, wie man bei einer so großen Produktion strukturiert arbeitet. Ich hatte das große Glück, ein wundervolles Team für den Bereich Artist Care zusammenstellen zu können, auf das ich mich hundertprozentig verlassen kann.

Ich lernte, alle Vorarbeit von Berlin aus und neben meinem Vollzeitjob und dem Bloggen zu leisten.

Ich lernte, dass ein 3 Sternehotel in Polen nicht einem 3 Sternehotel in Deutschland entspricht und dass nicht jeder Mensch regelmäßig seine Mails checkt.

Ich lernte, wie ich meinen Kollegen so zuarbeite, dass wir als Team funktionieren.

Ich lernte, dass nur, wenn wir mit dem Dorf und den Bewohnern zusammenarbeiten, das Plötzlich funktionieren kann, und wie wichtig die Einheimischen für das Festival sind.

Und ich lernte, dass selbst wenn alles schief geht, ein wenig Freundlichkeit viele Probleme lösen kann.

Dieses vergangene Wochenende war ich wieder in Rogowo, um unser Büro für den Wahnsinn des kommenden Festivals vorzubereiten – und es war, als käme ich nach Hause.

Nicht nur, dass das Team über die Jahre hinweg zwar gewachsen ist, sich aber nicht groß verändert hat – auch das Gelände, unser unsäglich hässliches Büro (ich nenne es gerne den Produktionsbunker), die Wege, das Meer. Alles fühlte sich vertraut und gut an. Wie, wenn man nach langer Besuchspause wieder bei seinen Eltern vorbeifährt.

So viele junge Menschen auf einem Fleck, die alle das gleiche Ziel haben: Unseren Gästen und Künstlern ein Wochenende zu verschaffen, nach dem sie sich seelig den Sand aus den Ohren pulen und dabei das Gefühl haben, Teil gewesen zu sein von dem, was in Rogowo jedes Jahr passiert: Wir versuchen, eine kleine parallele Welt zu schaffen. Nur kurz.

Dass so ein Festival nicht fehlerfrei abläuft, dass nicht jeder Gast glücklich gemacht werden kann und wir auch ab und an mal richtig schön was verkacken, das soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Letztendlich sind es auch nur Menschen (und zwar der Schlag Mensch mit einer Menge Herz und Ideen, aber auch oft ohne professionellen Hintergrund), die ihr Bestes geben. Und das sehe ich dann doch einfach überall.

Ich liebe es, dass das Plötzlich so nachhaltig agiert – wie der Müll getrennt und entsorgt wird, wie alle beim Aufbau jeden Tag frisch und vegetarisch bekocht werden. Wie die Natur soweit wie möglich integriert und nicht ausgeschlossen wird (inklusive Dämme bauenden Bibern, die uns das halbe Gelände unter Wasser setzen).

Am meisten aber ziehe ich den Hut vor meinen Kollegen und Kolleginnen. Es ist, als wären wir gemeinsam an und mit dieser so großen Aufgabe der Planung eines Festivals erwachsen geworden. Viele kenne ich noch aus Abiturzeiten.

Jeder Teamleiter, jeder Handwerker – aber auch jeder Helfer, der Stoffbahnen in die Bäume hängt, trägt ja letztendlich dazu bei, dass das Plötzlich am Meer Festival das ist was es ist.

Eine kleine Welt, in der junge Leute sich gegenseitig das Vertrauen zusprechen, verantwortungsbewusst und selbstbestimmt zu arbeiten, zumindest meistens. In dem die Chefs keine sind, zumindest meistens. In dem man wirklich das viel beschriebene Gefühl des kleinen Zahnrads hat, das es braucht, um die ganze Kiste am Laufen zu halten.

Dieses Jahr habe ich den Eindruck, so gestärkt und optimistisch wie noch nie ins Festival zu gehen. Vergessen sind all die Stunden, in denen ich dachte: „Das ist jetzt wirklich das letzte Mal“.

Es ist nicht das letzte Mal, denn damit aufzuhören, würde für mich bedeuten, aufzuhören aus meinen eigenen Fehlern zu lernen – denn das geht wohl nirgends so schnell wie dort. Und ich will und muss noch eine ganze Menge lernen – das tue ich dort jeden Tag aufs Neue, wenn sich die Sonne wieder aus dem in Nebel gehüllten Schilf schält.

Wir sehen uns am Meer. Ich danke euch.

Alles Liebe,

Samira

Video und alle Bilder alle mit freundlicher Genehmigung von GoodBy Production.

Plötzlich am Meer

Plötzlich am Meer

Plötzlich am Meer

Plötzlich am Meer

Plötzlich am Meer

Plötzlich am Meer

Plötzlich am Meer

Plötzlich am Meer

Festival Polen

Plötzlich am Meer

 

1 Comment

  • Reply Sophie August 20, 2016 at 6:28 am

    Hi Samira, dein Enthusiasmus ist ansteckend. Danke für den spannenden Eintrag und euch allen viel Spaß beim Plötzlich!

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